Jul 142014
 
triumphdave

Eigentlich befasse ich mich nicht mit Mode und Trends, jedenfalls nicht „aktiv“. Das heißt ich schau mir nicht vorsätzlich irgendwelche Fashion Shows oder eine der zahlreichen Nachgemachte-Reality Einrichtungs-/Fashionvictim/ Trendsetter Sendungen im TV an, um da mithalten zu können. Im Prinzip geht es mir am Allerwertesten vorbei.

Ich meine : Okay, man muss halt schon schauen, dass man nicht unbedingt mit Vokuhila, Igelschnitt oder Schnellfickerhose rausgeht, aber das sollte man(n) wohl auch hinbekommen, wenn man mit 38 noch bei Mutti wohnt oder wenn man (außer an der Supermarkt-Kasse) noch nie Kontakt zu Frauen hatte. Ich sage das deshalb, weil die Affinität zur Mode und dem äußeren Erscheinungsbild bei den Ladies  trotz Metrosexualität und männlicher Emanzipation ja doch in der Masse ausgeprägt ist. Naja, aber zu meinen Theorien zur Funktions- und Denkweise von Mann und Frau kann ich ja nochmal nen extra Beitrag bringen, das würde den Rahmen jetzt sprengen :p

Gut, wie dem auch sei – ich habe mich gefragt, ob es diese Fixierung auf die Vergangenheit auch früher schon gab oder ob das neu ist. Leider bin ich erst Mitte 30, so dass es mir selber schwer fällt das jetzt schon einzuschätzen. Rückerinnernd glaube ich aber, dass ich, wir – die Menschen allgemein viel mehr auf die Zukunft fixiert waren. Ich bin überzeugt, in den 90ern wollte Jeder, dass im Jahr 2000 fliegende Autos Alltag sind .

Keine Ahnung, ist halt son Gefühl. Nur mal ein Beispiel, weil ich als Brillenträger davon aktuell selber betroffen bin/war: noch vor 10 Jahren hat man händeringend rahmenlose Brillen „entwickelt“ – das Glas konnte gar nicht durchsichtig genug sein, das Gestell nicht fein genug.  Der Trend ging eindeutig zur Kontaktlinse und fieberhaft wurden Laser OPs verbessert, damit niemand mehr Brillen tragen musste.

Der neuerliche Trend war selbst mir nicht verborgen geblieben – Jeder der jetzt was auf sich hält, trägt eine Brille. Ob mit Stärke oder ohne – heute verbrüdern sich die Nicht-Brillenträger mit den „Brillenschlangen“ und „Blindschleichen“ die sie vor 10-15 Jahren auf dem Schulhof noch gehänselt haben. Je auffälliger die Brille, desto Besser. Nicht dezent sondern hervorstechend soll das Nasenfahrrad-Accessoire sein. Jeder soll sehen „Hey, ich bin Hip – denn ich trage ne Nerd-Brille!“ Als langjähriger Brillenträger kann man sich da schon mal so fühlen, als wenn man plötzlich zum „Mainstream und Trendflittchen“ mutiert wäre ohne etwas bemerkt zu haben und insgeheim wünscht man sich die Tage zurück, als man sich einzig bei Fielmann unter „Seinesgleichen“ fühlte 😉

Naja, lange Rede…vor einigen Monaten entschloss ich mich, nachdem ich 7 Jahre lang die selbe Brille getragen hatte mal wieder die Augen durchmessen zu lassen und mir ein „Brillenupgrade deluxe“ zu gönnen, welches die normale Alltagsbrille mit allem Verspiegelungsschnickschnack, getempertem Gorillaglas 3 blablabla…sowie eine Sonnenbrille mit Stärke zum Autofahren umfasst. Als ich beim Optiker die Regale abschritt wurde ich direkt von 2 Frauen belagert – eine davon war meine, die andere die Optikerin.

Schatz: „Nimm doch mal sone Nerdbrille.“

Ich: „Och nee Hase, dann seh‘ ich ja aus wie Erich Honecker“

Schatz und Optikerin: „Ach was, setz doch einfach mal auf“

Ich: „Och menno. Naja gut, aber ich bleib dabei, ich will wieder so Eine wie bisher“

Schatz und Optikerin nicken mich mit weit geöffneten Augen an „Natürlich“

Schatz: „Och guck doch mal, die steht Dir doch echt super. Wirklich! Sieht toll aus Hase!“ die Optikerin nickt die ganze Zeit schon ganz heftig

Ich: „Meinste? Boah das sieht doch voll 50er Jahre aus“

Schatz:“ Ja, eben! Das ist doch modern!“

Ich : „Ach modern…“

Naja, was soll ich sagen. Das Ende vom Lied war dann nach ner knappen Stunde im Optikerladen, dass ich mir 2 „moderne“ Brillen gekauft habe. Ich seh das jetzt nicht als „einknicken“ – vielmehr „kann man ja auch mal modisch sein“ :p

Ein weiter Lieblings-Lebensbereich in dem sich dieses Retro ausgebreitet hat, sind meine geliebten Games. Eigentlich gab mir ein Artikel den Anstoß, mal wieder meine Gedanken auf trollpit nieder zuschreiben. In den 80ern und 90ern wollten die Spieleentwickler immer „voran“. Bessere Grafik, Besserer Sound ab den 2000ern dann auch noch bessere Grafik und noch besseren Sound, aber besonders im letzten Drittel ab 2006/2007 dann mit deutlich weniger Inhalt und Gameplay.

Seit einigen Jahren – ich weiß gar nich ob das mit Minecraft aufkam oder schon davor – kommen ständig Titel raus, wo ich absolut nichts mit anfangen kann. Sowas wie Hotline Miami  wo man aus der Vogelperspektive im frühen 90er Jahre Grafikstil Leute niedermetzelt oder niedhogg was grafisch nochmal 10 Jahre weiter zurückgeht. Ich kann dem nicht viel abgewinnen.

Ich habe es allerdings mal versucht. Als vor einiger Zeit Monkey Island in der Neuauflage rauskam habe ich es natürlich gekauft. Es gab da ja diese Funktion, auf die „alte“ Originalgrafik umzuschalten. Also ich glaub ich habe es bei fast jedem Bildschirm im Spiel zumindest einmal gemacht, aber gespielt habe ich dann doch überwiegend mit der überarbeiteten Grafik. Der zweite Selbstversuch war WingCommander 3 mit dem ich eine ….. wait for it – tiefe emotionale Verbindung teile (hammer oder?).

Nein ernsthaft, Wing Commander 3 – wann kam das raus? Dezember 1994? Man da war ich 16. Ich weiß noch, dass ich jeden Mist zur Vorberichterstattung gelesen habe. Schließlich kam das Spiel raus und auf der Januar (?) Ausgabe der PC-GAMES CD war die Demo drauf. Ich habe sie damals auf meinem 386 DX installiert, aber mehr als das SETUP lief darauf nicht. Bis zu dieser Zeit war ich glaube ich noch ein „ganz normaler Junge“ der nen PC hat gewesen. Wing Commander 3 war der erste Schritt zum Nerdtum. Ich startete das SETUP des Spieles mindestens 1x alle paar Wochen, es gab im Setup einen Grafiktest bei dem sich das Trägerraumschiff „TCS Victory“ einmal um die eigene Achse dreht. Das war lange, lange Zeit alles was ich auf meinem PC neben den Videos die die Fachzeitschriften ab und an lieferten und den Tests zu sehen bekam. Ich arbeitete in diesem Sommer erstmals (dank Moped-Führerschein) in den Sommerferien als Erntehelfer im Betrieb, wo mein Vater bis heute arbeitet. Vier Wochen in den Sommerferien die es in sich hatten. Doch am Ende hatte ich irgendwie um die 1.500 DM, das war alles was zählte. Endlich konnte ich mir einen neuen PC kaufen. Eine Höllenmaschine: 486er DX4 CPU, 100Mhz Takt 8MEGAByte RAM, mit einer TSENG ET4000 Grafikkarte die über 1MB Grafikspeicher verfügte. Damals ein Gerät aus der Oberklasse. Selbst die bezahlbaren Pentium Systeme mit 60 und  75 Mhz konnten damit eingeholt werden. Und dann war es so weit…nachdem mit dem neuen PC auch gleich Wing Commander3 gekauft wurde, kam ich über die Setup-Routine hinaus und musste fast weinen, als  das Intro über den 14″er flimmerte. Seitdem bin ich offiziell ver-nerdet, niemand außer mir hatte in seiner Innentasche Printouts und eine Diskette mit DOS-Startdateien für jeden erdenklichen Fall, mit EMS ohne EMS, mit loadhi ohne loadhi ..XMS an XMS aus ich hatte sie alle, und Viele wollten sie…

Puh, da bin ich aber weit abgeschweift..naja aber das kurze Intermezzo musste halt sein, um zu verdeutlichen was zwischen Wing Commander und mir „gelaufen'“ ist.

Also habe ich letztes Jahr bei GOG WingCommander 3 gekauft. Hat irgendwie 5€ gekostet und war schnell runtergeladen. Den Vorspann tat ich mir noch an – wahrscheinlich mit einem breiten Grinsen. Aber nach Spielbeginn machte sich zunehmend Ernüchterung breit. Die gefilmten Schauspieler wirkten in der vorgerenderten Umgebung viel deplatzierter als ich es in Erinnerung hatte. Die Steuerung ging mit modernen Mitteln gar nicht. Weder mein Saitek Joystick, noch das XBOX 360 Pad bekam ich dazu einigermaßen gut zu funktionieren. Meinen QuickJoy Pro von 1994 hab ich schon lange nicht mehr  -zumal ich dann auch erstmal nen antiken Gameport in meinen aktuellen Rechner einbauen müsste.

Nach etwa 30 Minuten oder lass es ne Stunde gewesen sein, ließ ich von Wing Commander 3 ab. Ich hatte entschlossen, dass es besser ist im Kopf das Bild des 16 jährigen Jungen zu behalten der vor Ehrfurcht erstarrt an seinem 14 Zoll Monitor klebt, nachdem er 8 oder 9 Monate gespart hatte, als das jetzt zu demontieren. Damals war das Spiel der Hammer, Ende.

Die Frage ist jetzt also, was ist  das mit dieser Retrowelle? Wünschen sich die Leute wirklich das „Feeling“ zurück? Ich habe festgestellt: das Feeling kommt nie zurück. Auch nicht wenn ich mir heute nen 486 DX4 in die Bude stelle und DOS draufmache. Das Feeling wird nicht durch das Gerät erzeugt, es sind die ganzen Umstände, der Zeitgeist, die eigene geistige Verfassung und Gemütslage die das „Feeling“ ausmachen. Das ist auch der Grund, weshalb ich gerade im Spielebereicht von dieser Retrowelle nicht viel halte. Vielleicht tue ich den Entwicklern unrecht, aber ich sehe das so, dass man dort mit wenig Aufwand einfach eine Menge Geld einnimmt – einfach mit einem Versprechen, das man auf keinen Fall halten kann. Entweder haben sie diese Erkenntnis selber noch nicht gehabt, oder aber sie wird aus wirtschaftlichen Gründen besser mal in der Schublade gelassen (was ich am Ehesten glaube) .

Früher wurden Spiele wie „nidhogg“ und „Quest for Infamy“ teilweise von einzelnen Leuten programmiert. Heute holt man sich erstmal bei Kickstarter 100.000$ „Entwicklungskosten“ – weiß der Geier wofür bevor man überhaupt erste Screenshot zeigt.

Und was ist mit den Leuten? Den Käufern in die ich mich ja nun gebeugten Hauptes einreihen muss? Hat man denn heute nicht mehr ausreichend Fantasie um sich selber eigene Trends zu schaffen anstatt die „alten“ zu recyclen?

Warum kauft man sich etwas, das aussieht als hätten es Mutti und Vati in den 80ern getragen/ benutzt? Es wär doch so viel geiler, wenn man etwas trägt das so aussehen würde als käme es aus dem 21. Jahrhundert! Wahrscheinlich ist es aber so, dass das beim Kauf unmittelbar niemand so wirklich reflektiert. Na man kauft es halt, weil es modern ist…obwohl es das ja genaugenommen nicht ist. Es kauft sich doch auch niemand eine 60cm Röhren TV ohne Fernbedienung, einfach des Feelings oder des Looks wegen.

Ich glaube, wenn etwas mein „Feeling“ zurückbringen kann, was ich 1995  hatte und dessen Umstände sicherlich dazu beigetragen haben was ich in den folgenden Jahren tat und wo meine Interessen lagen – was also im Prinzip auch heute noch nachwirkt, dann wäre „Star Citizen“  der heißeste Kandidat dafür….

 

So long

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  One Response to “Retro: ich will zurück in die Zukunft”

  1. Sehr cooler Artikel. Deine Freundin erinnert mich dabei „dezent“ an meine. ^^

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